Mittwoch, 7. August 2013

Ein Whisky Krimi: Singleton Soul

Der englische Krimi lebt. Wer tritt den Beweis an? Der Goldfinch Verlag, dessen Singleton Soul von Mara Laue mir zufällig im Zweitbuch in die Hände fiel. Nicht ganz so zufällig, denn es war strategisch geschickt im Schaufenster platziert, und sobald mein Blick auf das Cover fiel, wusste ich: Das Buch werde ich lesen.


Meine Gedanken in stark vereinfachter Form waren in etwa diese:
Ah, ein englischer Krimi.
Ah, ein Whisky-Krimi.
Ah, spielt in Edinburgh.
Oh, von einer deutschen Autorin?


Man verzeihe mir die Skepsis, aber manche Dinge funktionieren bei deutschen Autoren eher selten. Geistergeschichten in Deutschland? Hm, das ist schwierig. Sherlock Holmes in Deutschland? Bitte nicht, bis auf Stefan Winges, dessen Holmes in Köln ermittelt, kann ich da in den meisten Fällen nur verwundert den Kopf schütteln. Aber es liegt nicht nur am Setting, wenn die in meinem Kopf fest verankerten britischen Muster nicht mit deutschen Orten kompatibel sind. Es gibt sie tatsächlich, die landestypischen Krimis, und so wenig wie Craig Russels Kommissar Fabel in Hamburg mich fesselt, so selten überzeugen mich deutsche Autoren, die sich an typisch britischen Krimis versuchen.
Mara Laue umgeht diese Schwierigkeit, indem sie ihrer schottischen Heldin Rowan Lockhart einen sehr exotischen Hintergrund verleiht. Bei Rebecca Michéle, einer weiteren Autorin
des Goldfinch Verlags, klappt es, indem sie witzig und ironisch sämtliche Klischees des englischen Krimis in eine liebevoll erzählte Geschichte verpackt (morgen dazu hoffentlich mehr).
Rowan Lockhart ist vor einem Jahr in ihre Heimatstadt Edinburgh zurückgekehrt und schlägt sich seitdem als Privatdetektivin durch. Das klingt erst einmal ziemlich an den Haaren herbeigezogen, wird aber durch die immer wieder eingestreuten Erinnerungen an ihre Zeit in Japan absolut plausibel. Ihr neuer Auftrag erreicht sie per Post. Captain Finn Macrae bittet sie, seine koreanische Ehefrau zu überwachen. Ein dicker Batzen Geld liegt dem Auftrag bei, was Rowan, die erst wieder Fuß fassen muss in ihrer Heimat, recht gelegen kommt. 
Doch bevor ihre Ermittlungen richtig in Gang kommen, wird Captain Macrae tot aufgefunden. Alles deutet auf Selbstmord hin, Verrat an militärischen Geheimnissen liegt in der Luft, und alles wirkt recht undurchsichtig. Und ausgerechnet Rowans Freund aus Jugendtagen, Bill Wallace, ermittelt im Fall Macrae. 
Viele Einzelheiten ergeben ein stimmiges Gesamtbild in Singleton Soul.  Da ist zum einen die Hauptperson, Rowan Lockhart, die sich vor zehn Jahren Hals über Kopf in einen Japaner verliebte, ihn heiratete und in seine Heimat zog. Dort erlernte sie die Kampfkunst und baute sich eine eigene Sicherheitsfirma auf, gegen den Willen der traditionell eingestellten Schwiegereltern. Immer wieder hilft ihre harte Zeit in Japan Rowan, sich als Privatdetektivin durchzubeißen, die typisch japanische Disziplin und Selbstbeherrschung sind ihr zur zweiten Natur geworden, so sehr es einer Ausländerin eben möglich ist. Die Liebe zum Land und zum Ehemann, von dem sie getrennt lebt, sind in kleinen Ritualen wie dem japanischen Frühstück sichtbar und tragen viel dazu bei, Rowans Charakter zu erklären. Sie ist nahezu perfekt, sie ist rechtschaffen, aufrichtig, zäh und hartnäckig, gutmütig, aber keineswegs der Trottel, der sich bis zum Gehtnichtmehr ausnutzen lässt. Durch den Kunstgriff, dass Rowan sich nach mehr als zehn Jahren in der neuen Heimat in Schottland mehr wie Fremdkörper fühlt, sehen wir Leser das Land mit den Augen einer Zugezogenen, und gerade dies hilft, peinliche Anbiederungen und Klischees zu vermeiden. 
Die Nebenfiguren sind lebendig und ausreichend skurril, jeder bekommt einen Hintergrund, ob es jetzt der Polizist Bill Wallace ist oder Lennox, der Ex-Söldner, oder der Verlobte von Rowans Schwester. Dabei wird der Hintergrund nicht platt gewalzt und breit erzählt, es ist eher so, dass man das Gefühl bekommt, Mara Laue hätte für jede Person ein Leben entworfen und ließe die Figuren entsprechend ihrer Erfahrung sprechen und handeln. In dieser Beziehung ist Singelton Soul hervorragend gelungen!
Der Fall selbst ist spannend und gut konstruiert, es gibt eine Menge red herrings und ich lag tatsächlich schief mit meiner Vermutung, wer der Mörder ist (*grummel*). 
Der einzige Punkt, an dem mir das Buch nicht gefiel, war die (berufliche) Beziehung zwischen Rowan und Bill Wallace. Er ist Polizist, sie ist Privatermittlerin, und obwohl sie dereinst zur "Truppe" gehörte, teilt er seine Erkenntnisse nur zu bereitwillig mit ihr. Aber da die beiden sich seit Ewigkeiten kennen und er zärtliche Gefühle für sie hegt, ist auch diese Bereitwilligkeit erklärbar.
Am Ende des Buches wurde mein Bedauern nur dadurch gemildert, dass der Verlag noch weitere Whisky-Krimis anbietet und ein zweiter Band mit der Ermittlerin bereits in Vorbereitung ist. Ich bin sehr neugierig, wie es mit Rowan Lockhart weiter gehen wird.

PS: Ein schönes Extra ist übrigens die Geschichte über das Kennenlernen von Rowan und Doro, ihrem Ehemann. Wer das Ebook kauft, ist bereits im Besitz der Geschichte, wenn er das Buch herunterlädt, wer die Printausgabe erwirbt, kann sich an den Verlag wenden und bekommt die Kurzgeschichte gratis „nachgeliefert“, und zwar hier.